vrijdag 16 januari 2015 / 17-12-2014 /

Artikelen / Die Zeit

Safari an der Oder

Wo der Mensch sich zurückzieht, macht er Platz für die Natur. Seeadler und Elche kehren zurück. Ein Beispiel aus Vorpommern.

 

Die Landstraße nach Anklam ist praktisch verlassen. Niemand scheint in dieser Gegend etwas zu suchen zu haben. Seit der Wende ist die Bevölkerung in dem Städtchen nahe der polnischen Grenze von rund 20 000 auf 13 500 Einwohner geschrumpft. Wer kann, zieht weg und lässt leere Häuser zurück. Für Stefan Schwill sind das gute Nachrichten.

 

Der Ökologe hat sich auf dem trostlosen Parkplatz des örtlichen Netto-Marktes verabredet. Er arbeitet als Gutachter für die Deutsche Umwelthilfe. Für ihn und seine Kollegen haben die Stadt und ihre Umgebung das Potenzial, zum Zukunftsprojekt zu werden. »Gerade weil es in dieser Ecke Deutschlands wirtschaftlich nicht läuft und die Menschen wegziehen, entstehen neue Möglichkeiten für die Natur«, sagt Schwill. 20 Kilometer von Anklam entfernt belegt der Strand des Stettiner Haffs seine Worte. Das Haff ist ein großer Binnensee, hier mündet die Oder in die Ostsee. Kein Mensch ist zu sehen, dafür wimmelt es von Vögeln. »Wenn die Menschen wüssten, was hier alles herumfliegt, dann gäbe es hier ornithologischen Massentourismus«, sagt Schwill. An kaum einem anderen Ort Deutschlands brüten so viele Seeadlerpaare wie hier, Flussseeschwalben tauchen ins Wasser, eine der größten Brutkolonien von Kormoranen liegt direkt am Ufer.

 

Wildnis nach Plan

Noch sind die Naturschutzgebiete rund um das Haff klein und unverbunden. Doch das soll sich ändern, wenn es nach Schwill und anderen Naturschützern geht. Wie die Glieder einer Kette sollen sich die Gebiete künftig aneinander anschließen. Die Fläche des Naturschutzgebietes würde sich so auf 100 000 Hektar verdoppeln.

 

 

 

Die Verbindung der Flächen ist nur der erste Schritt. Die Umweltschützer wollen, dass es hier wilder wird. Der Mensch soll in dem neu entstehenden Gefüge möglichst keine Rolle mehr spielen. Wind, Wasser und Wildtiere sollen die Landschaft formen. Nicht nur seltene Vögel, auch wilde Pferde, Wisente, Hirsche, Wölfe und Elche sollen das Oderdelta wieder bevölkern.

 

»Rewilding Europe« nennt sich die Naturschutzbewegung, die das Ziel hat, große Gebiete verwildern zu lassen – und damit Touristen und Geld anzulocken. Bilder von wild galoppierenden Pferden, schnaubenden Wisenten, die wieder angesiedelt werden müssten, oder heulenden Wölfen, die von allein zurückziehen, sollen betuchte Besucher anziehen. Das Geld der Ökotouristen soll die lokale Wirtschaft unterstützen. Mit solchen Visionen versuchen die Umweltschützer die Bauern der Gegend zu überzeugen, ihr Land den wilden Tieren zu überlassen.

 

Sieben Gebiete in Europa hat Rewilding Europeoffiziell zur Wildnis erklärt, etwa die südlichen Karparten in Rumänien, das Donaudelta am Schwarzen Meer oder den zentralen Apennin in Italien. Drei weitere sollen folgen. Wenn es nach der Naturschutzorganisation geht, gibt es 2020 eine Million Hektar möglichst ungenutzte Natur, eine Fläche halb so groß wie Slowenien. In Nordwesteuropa kommt dafür nur ein einziges Gebiet infrage: das Oderdelta. Im nächsten Frühjahr soll beschlossen werden, ob das Sumpfgebiet tatsächlich eine Zukunft als Urnatur haben wird. Das hängt vor allem von der örtlichen Bevölkerung ab und davon, ob genug Ackerland und Forst in neue Wildnis umgewandelt werden kann.

 

Der Yellowstone-Nationalpark und die Serengeti sind die großen Vorbilder. Genau wie sie soll auch das Oderdelta eine eigene Safari bekommen. Tagesausflügler und Feriengäste bekommen dann im besten Fall Biber, Seeadler, Wolf, Wisent, Elch, Kegelrobbe und Lachs zu sehen. In Entsprechung zu den berühmten »Big Five« Afrikas – Löwen, Nashörner, Büffel, Elefantenund Leoparden – wären dies dann die »Big Seven« des Haffs.

 

Kritiker sagen, Rewilding Europe wolle ein unrealistisches Naturspektakel entstehen lassen. Die Organisation zeige nicht, wie die Natur in Wahrheit funktioniere, sondern beeindrucke mit großen, die Fantasie anregenden Tieren, die sich in dem Gebiet von allein nie angesiedelt hätten.

 

»Wenn man es negativ betrachtet, könnte man diese Art der Bewirtschaftung mit Disneyland vergleichen«, sagt Sven Herzog, Professor für Wildökologie an der TU Dresden. Das Ganze werde zwar Touristen anlocken und habe eine pädagogische Funktion. »Wildnis aber wird es nicht sein. Es ist eine künstliche Landschaft «, so Herzog.

 

Für Wouter Helmer dagegen, Geschäftsführer von Rewilding Europe, erzählen die Tierarten eine Geschichte von Wildnis und Natur. »Diese Idee vermittelt man nun einmal nicht so einfach mit Regenwürmern.« Die Organisation instrumentalisiert die großen grasenden Weidetiere als »Rasenmäher« und Touristenmagnet und stützt sich auf Erfahrungen mit kleineren Rewilding-Terrains in den Niederlanden, Lettland und Bulgarien. Dort leben wilde Pferde, Rinder und Wisente ohne menschliche Unterstützung in Naturschutzgebieten. Doch wenn die Wetterverhältnisse zu extrem werden, können sie auf die Hilfe der Menschen zählen.

 

Für die großen Gebiete in Europa wie die Rhodopen in Bulgarien sind die Pläne radikaler. Dort werden die Tiere auf sich gestellt sein. In den Oostvaardersplassen, einem niederländischen Poldergebiet, sorgt diese Art der Bewirtschaftung Jahr für Jahr für Kontroversen. Ungefähr 50 Kilometer westlich von Amsterdam entfernt lebt eine Population von 4000 Hirschen, Rindern und Pferden bereits seit 30 Jahren selbstständig. Niemals eingreifen, diese Strategie verfolgte jahrezehntelang die staatliche Forstverwaltung. Entweder die Tiere hielten das harte Leben aus oder sie kamen um. Bis im Jahr 2010, am Ende eines kalten Winters, ein Fernsehteam einen Film drehte und Bilder eines verhungernden Hirschkalbs zeigte, das vor den Augen der Zuschauer starb.

 

Tierfreunde und Jäger, Politiker und Bürger, alle hatten plötzlich eine Meinung. Das sei die Natur, sagten die einen. Tierquälerei, entgegneten die anderen. Die Proteste hatten Erfolg. Jetzt warden die zu schwachen Tiere von der Forstverwaltung abgeschossen. Die Kadaver der Hirsche bleiben jedoch für Aasfresser und Insekten an Ort und Stelle liegen.

 

Der Konflikt in den Oostvaardersplassen zeigt, wie wenig über den Verlauf natürlicher Prozesse bekannt ist und was passiert, wenn der Mensch plötzlich große Pflanzenfresser in einer bereits bestehenden Landschaft ansiedelt. Wie viele Tiere können auf einem Quadratkilometer überleben? Wie geht man mit Raubtieren wie Wölfen um? Und vor allem, welche Rolle soll der Mensch noch spielen? »Auf diese Fragen gibt es keine abschließende Antwort«, sagt Professor Herzog.

 

Auch in Deutschland erwartet Ökologe Schwill »einen großen Aufschrei«, so wie in den Niederlanden. »Die Menschen müssen sich erst wieder an wild lebende Tiere gewöhnen, dazu gehört auch das Sterben«, sagt er. Doch Schwill denkt pragmatisch. Um dieses Gebiet werde kein Zaun gezogen. Wenn ein Elch plötzlich das Reservat verlasse und »das Feld eines Bauern kahl frisst, dann muss man eingreifen« – und das Tier abschießen dürfen.

 

Ob solche Argumente Bauern wie Politik überzeugen? Obwohl Naturschutzorganisationen auf die neuen Wildnisgebiete als Wirtschaftsmotor für die Region vertrauen, gibt es noch keinen schlüssigen Ansatz , wie das Geld der Touristen bei der lokalen Bevölkerung landen soll. »Werbung machen für die Renaturierung geht nur, wenn die Leute damit auch Geld verdienen können«, sagt Schwill. Ein Problem, das alle Naturschutzgebiete in westlichen Ländern haben.

 

Mit der Natur könne man zwar in Afrika genug Geld erwirtschaften, in reichen Ländern sei dies jedoch kaum machbar, bestätigt Professor Herzog. Wer die Natur in Ruhe lassen wolle, brauche Subventionen, was wiederum für Unmut in der Bevölkerung sorge. Warum wird das Geld nicht in Jobs investiert?, heißt es dann. Sollte sich Rewilding Europe dafür entscheiden, das Oderdelta in sein Programm aufzunehmen, wird sich die Organisation mindestens für zwei Jahrzehnte in der Region engagieren. Genug Zeit, um auszuprobieren, ob die Idee auch in MecklenburgVorpommern funktioniert.